Die grösste Uhrenfabrik der Welt…

Damit würden Sie bei der Fernseh-Quizfrage die Million glatt verspielen: Junghans war einst die grösste Uhrenfabrik der Welt. Nach turbulenten Zeiten hat die deutsche Traditionsfirma heute wieder gute Zukunftsaussichten. Und Ambitionen und Pläne.

Die jurassischen Uhrenhochburgen Le Locle oder das Vallée de Joux liegen ganz schön abgelegen. Nicht viel anders geht das im Schwarzwald: In einem engen Talkessel liegt das Städtchen Schramberg, wo die traditionsreiche Uhrenfabrik Junghans zuhause ist. „Sind wir bald da“ würde es wohl von den hinteren Sitzen tönen – und man denkt auch am Steuer, jetzt muss es doch gleich kommen, dieses Schramberg. Aber es folgt immer noch eine Kurve mehr an diesem späten, kalten Wintertag, bis wir endlich die Ortstafel erblicken. Hier hätte man kein Dorf mehr vermutet.

Umso wärmer, schwäbisch herzlich, der Empfang. Rasch vergessen sind ob so viel Freundlichkeit die Ausfälle des deutschen Finanzministers – man möchte sich geradezu  mit unseren nördlichen Nachbarn versöhnen.

Der berühmte “Terrassenbau”, ein architektonisches Juwel, in dem heute noch gearbeitet wird. Aufnahme aus dem Jahr 1965.

Bewegte Geschichte

Mit der Produktion von Zeigern, Pendellinsen, Drahthaken und anderen Teilen für die bekannten Schwarzwälder Grossuhren begannen Erhard Junghans und sein Schwager 1861 als „Junghans & Zeller“, dies von anfang an mit aus Amerika importierten Gerätschaften für rationelle Produktion. Schon 5 Jahre später präsentierte man die ersten drei Uhren. Bei Erhard Junghans’ Tod 1870  waren es schon 100 Uhren pro Tag, die die Fabrik verliessen. Junghans war sehr innovativ und patentierte laufend Erfindungen, die auch über die Uhrenindustrie hinausgingen, so zum Beispiel eine revolutionäre Schnecken­lenkung für Automobile, die von der Firma Maybach verwendet wurde.

Die Firma sollte in der Folge und unter der Führung von Junghans’ Sohn Arthur stetig und rasant weiterwachsen. 1903 war sie mit mehr als 3000 Beschäftigten und einer Produktion von 3 Millionen Uhren pro Jahr die grösste Uhrenfabrik der Welt. 1920 produzierte man die ersten deutschen Armbanduhren. In den Kriegsjahren entstanden in den Fabriken neben Uhren auch Zeitzünder. Diese Kriegsjahre überstand die Firma eigentlich nur darum ohne Bombardierung, weil über den ganzen engen Talkessel ein gigantisches Tarnnetz gespannt war und somit die Produktionsstätten für die Flieger nicht sichtbar waren. Die Siegermächte demontierten dann aber nach Kriegsende die Firma gründlich. Man fing sich jedoch und stellte 1947 das legendäre Chronographenkaliber J.88 vor, das mit einer damals völlig neuartigen Stoss­sicherung ausgestattet war.

Junghans war auch ein grosser Weckerhersteller. Entsprechend originell begrüsste man die Gäste 1950 in der Firma.

1957 kontaktierte man mit Max Bill einen zeitgenössischen Designer, mit dem Auftrag, eine Uhrenserie zu gestalten. Dies war der Grundstein für eine Serie, die heute noch eines der wichtigsten Standbeine von Junghans ist. Mitte siebziger Jahre erkannten die Deutschen die Zeichen der Zeit und widmeten sich sehr stark der Produktion von Quartzuhren. Auch in der Sportzeitmessung waren die Schwarzwälder in Entwicklung und Produk­tion aktiv. An den olympischen Spielen von 1972 in München waren sie offizieller Zeitnehmer und stachen damit die harte Schweizer Konkurrenz aus.

1985 verblüffte Junghans mit der Präsentation der ersten industriell gefertigten Funkuhr für den Wohnbereich. Die Funktechnik sollte zum grossen Knüller der deutschen Tüftler werden. 1987 präsentierte man den ersten digitalen Wecker mit Funkempfang – eine Revolution in Sachen Präzision. Das Streben nach Miniaturisierung ging weiter und es folgte die logische Weiterentwicklung: Die Mega 1 von 1990 war die erste digitale Funk-Armbanduhr. Sie sollte sich mehrere hunderttausend Mal verkaufen. Junghans wurde zum Synonym für die Funkuhr. Weitere 5 Jahre später lancierten die Deutschen mit der Mega Solar eine Kombination aus Funkuhr und solarer Energiegewinnung, lange bevor das Thema „Nachhaltigkeit“ in aller Munde war.

Im Jahr 2000 landete die Uhrensparte von Junghans in der Egana-Goldpfeil-Gruppe. Man besann sich der früheren Kompetenzen im Bereich der mechanischen Uhren und stärkte diesen Bereich wieder. Die etwas ausufernden Kollektionen wurden stark gestrafft, ebenso das allzu breite Vertriebsnetz in Deutschland.

2008 geriet die Egana-Holding in grosse Schwierigkeiten und wurde zerschlagen. Interessenten für das Juwel Junghans waren sofort mehrere zur Stelle. Das Rennen machte dann aber nicht eine (ausländische) Gruppe, sondern es gab eine Lösung „vor Ort“. Hans-Jochen Steim und sein Sohn Hannes übernahmen den gesamten Geschäftsbetrieb und alle Spar­ten der Firma Junghans.  Die Industriellenfamilie Steim ist dem Ort sehr verbunden und führt eine Unternehmensgruppe mit mehr als 5000 Mitarbeitern weltweit. Das Engagement bei Junghans finanzierten die beiden Vollblutunternehmer notabene aus ihrer Privatschatulle – ein echtes persönliches Engagement also. Der heutige Geschäftsführer von Junghans, Matthias Stotz, zeigte sich damals entsprechend optimistisch. „Das ist ein langjähriges Investment, das es benötigt, um die bereits vorher in die Wege geleitete neue Ausrichtung und Strategie des Unternehmens auch noch umzusetzen.“

Beeindruckt waren wir von der Produktion. Der Patron selber führte uns durch den Betrieb. Matthias Stotz ist Uhrmachermeister mit Leib und Seele, seine Begeisterung ist spürbar. Die Organisation ist vorbildlich, die Qualitätssicherung von einer Gründlichkeit, dass man dem einen oder anderen Hersteller im Jura gerne einmal einen Rundgang durch die schwäbischen Hallen gönnen würde. Und angenehm bescheiden geht es zu – nichts von Chefdünkel ist zu spüren. Gegessen wird zusammen mit der Crew in der einfachen Kantine, angestanden mit den Arbeitern in der Wartschlange am Buffet. Eine grosse Portion deutscher Hausmannskost landet auf den Tellern. Mahlzeit.