Marco Biegert & Andreas Funk

Eine dicke Freundschaft, gekoppelt mit schwäbischem Fleiss und Erfindergeist, verhilft Marco Biegert und Andreas Funk zu einem Welterfolg. Sie sind die Erfinder der Wortuhr Qlocktwo. Aber nicht nur das.

Schwäbisch Gmünd ist nicht gerade die Verkörperung einer Metropole. Das beschauliche deutsche Städtchen hat immerhin 70 000 Einwohner – ein Nachtleben aber gibt es so gut wie keines. In der Region existieren hingegen viele Hightech-Spitzenbetriebe, nicht zuletzt auch wegen der Nähe zu den Grossen im Automobilbau wie Daimler oder Porsche.

Das ist der Alternativtext

Marco Biegert und Andreas Funk mit einem Riesenmodell ihrer Qlocktwo-Armbanduhr.

Das Klischee vom «Schaffe» und «Häusle baue» ist dauerpräsent. Nach ihrer Gymnasiumszeit starten Marco Biegert und Andreas Funk als Biegert & Funk in Gmünd ihr eigenes Unternehmen. 3-D-Postkarten sind ihr erstes Projekt, dessen Erfolg eher im Sammeln von Erfahrungen als im Geldregen besteht. Die beiden sind täglich von Kreativität getrieben, offen für neue Technologien und entwickeln ein gutes Gespür für Kundenbedürfnisse. Erfolg heisst auch, dass es abends beiden immerhin zu einem Bier reicht, den Döner hingegen müssen sie sich hin und wieder teilen. Das aufkommende Internet entpuppt sich allerdings als idealer Booster, bald bietet die Firma Werbekonzepte, Design und Dienstleistungen rund ums Web an. Aus der kleinen Zwei-Mann-Bude wird über die Jahre eine Agentur mit über 20 Mitarbeitern.

Die menschliche Uhr

Neben dem Alltagsgeschäft sind die beiden unermüdlich am Ideen spinnen. Angetan hat es ihnen alles, was mit Zeitanzeigen und neuen Techniken zu tun hat. Ideen zu haben ist das eine. Sie aber dann auch umzusetzen, wenn der Aufwand beträchtlich und der kommerzielle Nutzen gleich Null ist, ist das andere. So kam es, dass an einem lauen Sommertag 24 Stunden lang eine Videokamera auf einem Aussichtsturm in der Nähe von Schwäbisch Gmünd lief. Im Bild wuseln 24 Menschen abwechselnd jede Minute mit Bierbänken in der Gegend herum, laufend präzise per Megaphon instruiert. Die Bänke dienen als Segmente für die Zeitanzeige, wie man sie von digitalen Uhren kennt. Mal wird nur ein Segment verschoben, doch bei der vollen Stunde geht es richtig zur Sache, sind viele Trägerinnen und Träger im Einsatz. „Es war ein Event unter Freunden. Wir hatten einen Riesenspass – über den Tag wird heute noch gesprochen“ erzählt Funk sichtlich amüsiert. Die Qlocktwentyfour wurde später als App fürs iPhone und als Bildschirmschoner für den PC und den Mac veröffentlicht.

Welterfolg Wortuhr

Den wahren Knüller landeten die beiden Freunde aber mit ihrem nächsten Projekt. „Es müsste doch möglich sein, die Zeit statt mit Zeigern oder Zahlen mit Worten anzuzeigen“ sagten sie sich. Nach unzähligen Gesprächen und einigen Ansätzen entstand ein Konzept, das heute als „Qlocktwo“ einen wahren Siegeszug durch die Welt der Zeitanzeige angetreten hat. Das Grundprinzip ist einfach, wie oft bei guten Dingen. Eine Matrix von 110 Buchstaben, die auf den ersten Blick sinnlos erscheint, ist die Basis. Darin sind jedoch die Worte angeordnet, die es für das Beschreiben der Stunden und Fünf-Minuten-Schritte braucht. „Es ist fünf nach sieben“ oder „it is twenty past nine“. Hinter jedem in der Frontplatte ausgesparten Buchstaben ist eine weisse LED angebracht. Das Kunststück bestand nun darin, diese so anzusteuern, dass die richtigen Worte zur richtigen Zeit aufleuchten. „Eigentlich ist es einfach eine Fleissarbeit im Programmieren“ stapelt Tüftler Biegert tief. Auch an die einzelnen Minuten haben die beiden gedacht – sie werden mit vier LED in den Ecken der quadratischen Uhr angezeigt.

Der lange Weg zum Produkt

Eine Erfindung zu machen ist eines. Vom ersten Prototypen, der noch in einem quadratischen IKEA-Bilderrahmen aufgebaut und reichlich rustikal verlötet war, bis zum fertigen Produkt ist der Weg weit und steil. Schliesslich stellten die beiden aber 2009 an der Designmesse „ambiente“ in Frankfurt ihre Wortuhr erstmals einem breiten Publikum vor. Weil der Schwabe nicht nur ein fleissiger, sondern auch eher ein sparsamer und vorsichtiger Zeitgenosse ist, bauten sie eine erste Serie von zehn Stück. Das Publikum war begeistert. Drei Stunden nach Messeöffnung waren sie verkauft.

Der Rest ist eine – hart erarbeitete – Erfolgsgeschichte. Die Produktion begann bei Null. Für sämtliche Komponenten brauchte es fähige Zulieferer, die dem Qualitätsanspruch der beiden Perfektionisten genügten. Weil der Landstrich reich an solchen Betrieben ist, konnten sie alle in der Nähe gefunden werden. Biegert: „Man riet uns immer wieder, das in China produzieren zu lassen. Uns interessierte das aber nicht – wir wollten mit unseren Zulieferern ein nachhaltiges und partnerschaftliches Verhältnis aufbauen. Das kann man nur, wenn man bei einem Problem innert kurzer Zeit vor Ort reagieren und die Besprechung nach Feierabend auch mal bei einem gemeinsamen Bier fortsetzen kann. Das Endprodukt wird zwar ein wenig teurer. Aber die Qualität stimmt.“ Dieser kompromisslose Premium-Anspruch entwickelte sich zu einem wesentlichen Standbein der ganzen Firmenphilosophie und war mitverantwortlich für die vielen weltweiten Designpreise und Auszeichnungen. „2011 stellten wir das erste Mal an der Baselworld aus, der wichtigsten Uhrenmesse der Welt. Wir waren überwältigt – wir wurden von uns Unbekannten gelobt, die sich im Nachhinein als wahre Uhrmacherlegenden und bekannte Firmenchefs entpuppten. Erst ein Branchenkenner am Nachbarstand klärte uns Neulinge jeweils auf, welch hohen Besuch wir gerade hatten“ sagt Andreas Funk nicht ohne Stolz.

Heute umfasst das Qlocktwo-Sortiment neben der mittlerweile „Classic“ genannten Wanduhr auch Armbanduhren, eine schicke Tischuhr mit Wecker, sowie die „Qlocktwo Large“ in beeindruckenden 90 x 90 cm Grösse. Das Ganze in 18 Sprachen, darunter auch Chinesisch und Arabisch und in vielen Farben und Materialien für die Frontplatten, bis zu trendigem Rostblech oder noblem Blattgold. Auf Sonderwunsch entsehen nach dem Prinzip „Zeit in Worten“ auch Einzelstücke, wie eine monumentale 5 x 5 Meter grosse Qlocktwo beim Bahnhof von Schwäbisch Gmünd. Die Firma beschäftigt bereits an die 30 Mitarbeiter und verkauft ihre Produkte rund um den Globus. Die Produktion ist mittlerweile höchst professionell organisiert, die gesamte Assemblage geschieht inhouse. Marco Biegert und Andreas Funk sind dabei beste Freunde geblieben. Bloss den Döner müssen sie sich heute nicht mehr teilen, und dank dem vielen Schaffen hat’s auch schon für ein Häusle gereicht.